Callcenter-Netzwerk: Ermittler heben KI-Betrüger in Ukraine und Russland aus

LGR Reutlingen – 30 Mai 2026 | Ein internationales Netzwerk von Betrügern, das Künstliche Intelligenz (KI) und Deepfake–Technologie einsetzte, um Bürger in der Ukraine und Russland zu täuschen, wurde von den Ermittlungsbehörden zerschlagen. Die Täter nutzten fortschrittliche Technologien, um sich als Sicherheitskräfte auszugeben und so ahnungslose Opfer zu betrügen. Der Gesamtschaden beläuft sich auf Millionen Euro, wobei die meisten Betroffenen aus dem russischsprachigen Raum und der Europäischen Union stammen.
In Odessa hat die Polizei kürzlich ein Callcenter aufgedeckt, das gezielt Bürger in Kasachstan betrog. Die Täter gaben sich mithilfe von KI-generierten Bildern und täuschend echten Deepfakes als Angehörige kasachischer Sicherheitskräfte aus. Dieses hochgradig organisierte Netzwerk verfügte über spezialisierte Abteilungen für IT, Personal und Kundenkontakt. Bei den Razzien wurden 13 Verdächtige identifiziert und neun Personen festgenommen. Zudem beschlagnahmten die Beamten Computer, fast 50 Mobiltelefone und mehrere Fahrzeuge. Der bis dato dokumentierte Schaden beträgt rund 2,5 Millionen Griwna.
Parallel dazu entdeckten die ukrainische Polizei und Eurojust in Charkiw ein weiteres Callcenter, das sich als Investmentfirma tarnte. Mindestens 50 EU-Bürger, insbesondere aus Lettland, wurden um mehr als 100.000 Euro betrogen. Die Betrüger täuschten fiktive Gewinne beim Pseudotrading vor und versprachen, verloren geglaubte Investitionen gegen Vorabzahlungen zurückzuholen.
Ein zentrales Problem für die Ermittler ist die Verwendung von SIM-Boxen, die die Identität der Anrufer verschleiern. In der russischen Stadt Wladimir wurde ein 24-Jähriger gefasst, der als technischer Dienstleister für ein Betrugs-Callcenter arbeitete. Er reiste mit einer SIM-Box, die Anrufe über zahlreiche lokale SIM-Karten weiterleitete, wodurch die wahre Herkunft der Anrufe verborgen blieb. Bei seiner Festnahme beschlagnahmten die Behörden die SIM-Box, über 50 SIM-Karten und einen Laptop. Dem Verdächtigen drohen bis zu sechs Jahre Haft.
Die zunehmende Raffinesse der Cyberkriminellen stellt Unternehmen vor neue Herausforderungen. Die Täter passen ihre Methoden regelmäßig an aktuelle Ereignisse an, um ihre Opfer zu täuschen. So warnen Cyberexperten vor einer neuen Welle von Anrufen, die sich insbesondere an Rentner und Veteranen richten. Die Betrüger geben vor, Sonderzahlungen zum Tag des Sieges am 9. Mai auszuzahlen, um an SMS-Codes für den Zugriff auf Online-Banking-Konten zu gelangen. Behörden betonen, dass reguläre Leistungen automatisch ausgezahlt werden und nie durch die Abfrage von Sicherheitscodes erfolgen.
In Deutschland bleibt die Bedrohungslage ebenfalls hoch. In Thüringen registrierten die Behörden bis Ende Mai über 1.000 KI-gestützte Anrufe, bei denen die Täter mit Deepfakes die Stimmen von Angehörigen imitierten. Besonders gravierend war ein Vorfall in Bayern, wo eine Seniorin einem falschen Polizeibeamten Gold und Bargeld im Wert von rund einer halben Million Euro übergab.
Die rechtlichen Rahmenbedingungen für Betrugsopfer sind oft unzureichend. Ein Geschädigter versuchte, Verluste aus einer Barübergabe als außergewöhnliche Belastung steuerlich geltend zu machen. Das Finanzgericht Münster wies die Klage jedoch ab mit der Begründung, dass solche Aufwendungen nicht zwangsläufig anfallen und zumutbare Handlungsalternativen bestanden. Dennoch ließ das Gericht eine Revision zum Bundesfinanzhof zu, was zeigt, dass die rechtlichen Fragen in diesem Bereich klärungsbedürftig sind.
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